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Gemeinschaften können Tyrannen stürzen

Judith Butler schreibt: „In seinem Schreiben an Einstein – ein volles Jahrzehnt nach „Massenpsychologie und Ich-Analyse“ – geht Freud nun davon aus, dass Gemeinschaften nicht durch Unterwerfung unter einen idealen Führer zusammengehalten werden, sondern im Gegenteil durch ihre Macht, Tyrannen oder autoritäre Herrscher zu stürzen und in der Folge gemeinsame und durchsetzbare Gesetze und Institutionen zu schaffen.“ Um einen Tyrannen zu stürzen und die Liebesbindungen an ihn zu durchbrechen, ist vielleicht eine gewisse Form von Manie erforderlich. Kann sich diese Manie in den Gemeinschaftsgefühlen und Gefühlsbindungen entwickeln, die zu diesem Zweck erforderlich sind? Die Antwort scheint davon abzuhängen, was man unter einer „Interessengemeinschaft“ versteht. Judith Butler ist Maxine Elliot Professor für Komparatistik und kritische Theorie an der University of California, Berkeley.

Die Begrenzung der Destruktivität basiert auf dem Gemeinschaftsgefühl

Sigmund Freud vermutet, dass mit der Übertragung von Macht – nicht Gewalt – an immer größere Zusammenschlüsse die Angehörigen dieser Gruppe stärkere Solidaritätsgefühle entwickeln und aus ihnen heraus handeln. Judith Butler ergänzt: „Einstein hatte von der Notwendigkeit zum Souveränitätsverzicht zugunsten größerer internationaler Organisationen gesprochen.“ Für Sigmund Freud geht die Frage der Machtverteilung ebenfalls über das Modell der Souveränität hinaus. Mit dem Wachsen der Gemeinschaft und ihrer Fähigkeit, sich selbst zu regieren, in immer deutlicherer Abgrenzung, ja im Gegensatz zur Herrschaft eines einzelnen, basiert die Begrenzung der Destruktivität zunehmend auf dem Gemeinschaftsgefühl.

Dieses kommt in selbst erlassenen und Grenzen ziehenden Gesetzen zum Ausdruck. Judith Butler stellt fest: „Es besteht aber weiterhin das Problem, dass es in der Gemeinschaft zu Gewaltausbrüchen kommen kann, etwa wenn Fraktionen aneinandergeraten oder wenn das Recht zum Aufstand gegen den Staat oder die internationale Körperschaft in Anspruch genommen wird, die die Hoheitsrechte von Staaten einschränkt.“ Für Sigmund Freud wie für Albert Einstein scheint die Begrenzung der Gewalt mit der Einschränkung staatlicher Souveränität in einem internationalen Rahmen zusammenzufallen.

Nationalistischer Eifer führt zu Gewaltausbrüchen

Das zielt auf den im Souveränitätsgedanken selbst zum Ausdruck kommenden Anthropomorphismus der Macht. Judith Butler erläutert: „In den frühen 1930er Jahren waren beide der Meinung, dass nationalistischer Eifer zu Gewaltausbrüchen führt, auch wenn keiner von ihnen schon wirklich die kommenden Formen staatlicher Gewalt in Faschismus und Nazismus erkennten konnte.“ Die internationale Körperschaft oder der „Gerichtshof“, den beide sich vorstellten, existierte bis zu einem gewissen Grad in den frühen 1930er Jahren in Form des Völkerbunds.

Aber diese Institution bildete kaum eine letzte Machtinstanz, da sich staatliche Hoheitsrechte durch die besehenden Institutionen nicht effektiv einschränken ließen. Judith Butler fügt hinzu: „Ohne Vollzugsgewalt fehlten solchen Institutionen die eigenen Hoheitsrechte zur Kriegsverhütung – daher der Schluss, dass der Verzicht auf Souveränität zugunsten internationaler Beziehungen der einzige Weg zum Frieden ist.“ Albert Einstein, der sich selbst als „von Affekten nationaler Natur freier Mensch“ sah, betrachtete das Risiko einer internationalen Einrichtung als tragbar. Quelle: „Die Macht der Gewaltlosigkeit“ von Judith Butler

Von Hans Klumbies

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